Kleiber vs. Kohlmeise

Nach dem Artikel zu Vogelrevieren sind einige Fragen aufgetaucht. Eine davon war: Was passiert eigentlich bei Revierkämpfen? Das konnte ich gestern und heute live miterleben. Fliegende Federn und blutige Schnäbel… lest weiter!

Jetzt fliegen die Fetzen

Angefangen hat es damit, dass gestern plötzlich ein Kohlmeisen-Pärchen angefangen hat aufgeregt zu keifen. Kohlmeisen sind ein bisschen wie Chihuahuas und keifen schnell mal. Meistens keift aber nur eine Kohlmeise und es ist mit zwei bis drei angepissten Rufen auch schon wieder vorbei. Gestern aber wollten sie gar nicht mehr aufhören.

Bei einer derartigen Aufregung bin ich neugierig geworden. Ich bin um den Baum herum gegangen und was habe ich gesehen? Der Kleiber, auf den ich schon seit zwei Stunden auf der anderen Seite des Baumes gewartet habe, steckt seine Nase aus einem Spechtloch (= Loch das von einem Specht gemacht und bewohnt wurde, jetzt aber frei ist; im Gegensatz zu Astlöchern).

Der kleiber steckt den Kopf aus der Bruthöhle (links), während ihn die Kohlmeisen von den Ästen aus ankeifen (rechts). Wer würde hier nicht wohnen wollen? Für so eine tolle Höhle würde ich mich auch streiten!

Auf den Ästen neben dem Loch ist das Kohlmeisenpärchen gesessen und hat ihn angekeift. Der Kleiber hat sich wohl gedacht „Haltet die Klappe!“ und angefangen zurück zu keifen. Die Stimmung hat sich aufgeheizt, doch die Kohlmeisen haben nicht locker gelassen und weiter gekeift. Der Kleiber hat zurück gekeift.

Auf der Flucht?

Dem Kleiber ist es dann wohl doch zu anstrengend geworden, er ist mit seinen Trippelschritten den Baum hinauf gewandert, doch die Kohlmeisen wollten ihn noch nicht in Frieden lassen und sind ihm nach geflogen. Während der Kleiber nun neben einem anderen Loch gesessen ist haben ihn die Kohlmeisen weiterhin, aus der sicheren Entfernung von 1,5 Metern angekeift. Der Kleiber hat zurück geschimpft.

And the winner is…

Nach zwei Minuten ist das ganze Spektakel auch schon wieder vorbei. Der Kleiber ist noch weiter den Baum hinauf gewandert und das Kohlmeisenpärchen ist zu einem anderen Baum geflogen, von dem aus sie den Kleiber weiter beschimpft haben. Langsam haben sie dann doch aufgehört zu schimpfen und der Kleiber war nicht mehr zu sehen. Wer hat jetzt also gewonnen?

(1) Das Kohlmeisenpärchen fängt an den Kleiber zu beschimpfen, der Kleiber schimpft zurück. (2) Das Kohlmeisenpärchen schimpft vom Strauch aus weiter, während der Kleiber den Baum raufläuft. (3) Der Kleiber läuft noch weiter hinauf und verlässt schließlich den Baum.

Heute hat sich das gleiche Schauspiel nochmal vollzogen: Kleiber kriecht ins Loch der Kohlmeisen, Kohlmeisen meckern, Kleiber meckert zurück und fliegt weg, die Kohlmeisen beruhigen sich.

Wer gewinnt, das wird sich wohl erst in den nächsten Wochen zeigen, wenn die neuen Bewohner dieser Saison fix in die Höhle einziehen.

Verstehen was du siehst

Revierkämpfe finden also nicht nur innerhalb der gleichen Art statt, sondern auch zwischen verschiedenen Arten, wenn diese dieselbe Ressource nutzen wollen. Außerdem entscheiden sie sich nicht unbedingt bei der ersten Auseinandersetzung, sondern werden unter Umständen wiederholt ausgetragen.

Kleiber vs. Kohlmeise, wer schimpft besser? (Quelle: Luciano 95 und hedera.baltica)

Entgegen schmalziger Fernsehdokus laufen diese Konflikte aber nicht immer mit spektakulären Verletzungen ab und der Gewinner dieser Auseinandersetzungen ist nicht immer eindeutig. Ha! Doch keine blutigen Schnäbel. Da hab ich wohl wieder mal geflunkert.

Es ist ein bisschen wie bei Betrunkenen, die sich gegenseitig anpöbeln, sich dann aber doch nicht schlagen: beide Parteien gehen dann mit dem Gefühl auseinander, es dem anderen gezeigt zu haben, weil sie die schlimmeren Schimpfwörter verwendet haben. Deine Mutter, Oida!

Spechtlöcher oder Asthöhlen?

Nicht alle Löcher, die eine an Bäumen sieht, bewohnbar. Oft sind zurück gefaulte Astlöcher nicht groß genug um ein Nest zu beherbergen. Sie dienen daher eher als Futterversteck für Eichhörnchen oder als Krabbelstube für Käferbabies (Larven).

Oftmals faulen Astlöcher nur den Stamm hinunter. Dadurch bleiben sie schmal und länglich und sind daher keine guten Nisthöhlen.

Spechtlöcher werden in der Nachnutzung auch gerne von anderen Arten, wie zum Beispiel Kohlmeisen, Rotkehlchen, Spatzen und Kleibern verwendet.

Viele dieser Arten sind keine obligatorischen Höhlenbrüter, aber so ein Penthouse-Nest mit Ausblick über den ganzen Park macht schon was her. Entsprechend gibt es manchmal auch Streit zwischen den verschiedenen potentiellen Nachnutzern.

Das Astloch ist nicht groß genug um ein Vogelnest zu beherbergen, aber es wird von einem Eichhörnchen als Vorratsloch genutzt. Es ist voll mit Bucheckern und Wahlnussschalen. Hier siehst du den Astring, ein zwei bis drei Zentimeter hoher Wulst um das Loch.

Du kannst Astlöcher am Astring erkennen, der selbst nachdem der Ast abgefallen ist sichtbar bleibt. Außerdem ist er in der für die Baumart typischen Verzweigungsstruktur angeordnet. Spechtlöcher dagegen befinden sich eher zufällig verteilt am Baum und haben einen glatten Rand.

Hast du schon mal einen Revierkampf beobachtet? Wie ist er abgelaufen?

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