Landschaftswandel verstehen – Ein Interview

Die Landschaft in Mitteleuropa hat sich in den letzten 100 Jahren stark verändert. Doch was heißt das genau und woran kann ich das erkennen? Da ich keine 100 Jahre alt bin, fehlt mir hier irgendwie der Überblick. Deshalb habe ich wieder einmal mit Harald Kutzenberger von TBK – Kutzenberger gesprochen. Der ist zwar auch noch lange keine 100 Jahre alt, aber Antworten hat er trotzdem.

Isabella: Welche Veränderungen hast du in der Landschaft gesehen, seit du angefangen hast dich mit Natur zu beschäftigen?

Harald: Das erste worauf mich einer meiner frühen Lehrer Anfang der 70er gestoßen hat war, dass die Obstbäume weggeschnitten werden. Das war gerade das Ende dieses Trends, weil in den 50er und 60er Jahren schon viel gemacht worden ist.

I: Was waren damals die Haupttrends?

H: Das, was die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts am stärksten geprägt hat: der Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft von 30% auf weniger als 2%, das Ende der pferdebetriebenen Landwirtschaft, die Industrialisierung und Spezialisierung in der Landwirtschaft und der Rückgang der Naturschutzflächen von 10% auf 0,03%.

Pflügen mit dem Pferdepflug gibt’s heute nur noch bei Museumsvorführungen.

Der Rückgang der Naturschutzflächen war biodiversitätsmäßig sicher eine der ganz großen Sachen.

Der Rückgang der pferdebetriebenen Landwirtschaft in den 50er Jahren hat dazu geführt, dass die Pferdebetriebsmittel, die Feuchtwiesen und Streuwiesen, ihre Position im Betrieb verloren haben und daher aufgeforstet worden sind. Ein guter Teil der heutigen Fichtenforste sind ehemalige Feuchtwiesen. Aufforstungen der 50er, 60er, 70er Jahre, wenn sie ganz regelmäßig in Reihen und oft auf Rigolgräben sind.

I: Und die Spezialisierung der Landwirtschaft?

H: Die gemischte Landwirtschaft mit Selbstversorgungsfunktion war bis in die 50er 60er regional noch stark da. Durch die hoch mechanisierte, spezialisierte Marktwirtschaft heute ist zum Beispiel das gesamte Alpenvorland großflächig in den Ackerbau, oft für Feldfuttermittel, gegangen. Gleichzeitig wurde im höheren Alpenraum praktisch die gesamte Feldwirtschaft raus gedrängt und die Spezialisierung ist in Richtung Rinderhaltung im Grünland gegangen.

Gerade noch Bereiche wie Waldviertel und Mühlviertel, die dazwischen liegen, oder einige andere ”Inseln”, haben bis heute eine gemischte Landwirtschaft haben, wo es die eigenen Kartoffeln, die Milch und das Brot vom Hof gibt. Das ist der zentrale Wandel.

Agrar Landschaft im Marchfeld
Durch die abnehmende Selbstversorgung haben sich die Betriebe zunehmend spezialisiert. Im Alpenvorland, wie zum Beispiel im Marchfeld, gibt es daher hauptsächlich Ackerbau und umso weniger Viehhaltung.

I: Das heißt, du hast das eigentlich auch nicht mehr miterlebt.

H: Nein, der Großteil ist vorher passiert. Das was ich erlebt habe, in den 30 Jahren die ich jetzt kartiere, ist, dass ich viele Stellen kenne, die es nicht mehr gibt. Wo wir Anfang der 90er Orchideenwiesen, Wollgraswiesen und Arnikawiesen für Landschaftspflegeprogramme kartiert haben. Da kann ich dir viele zeigen, die es nicht mehr gibt.

I: Warum gibt es die jetzt nicht mehr?

H: Weil sie aufgelassen, drainagiert oder verändert worden sind. Trotz aller Naturschutzprogramme.

I: Waren das die letzten Wellen der Trends aus den 50ern?

H: Nein, die Entmischung geht laufend weiter. Wir sind damit noch lange nicht am Ende. Was momentan massiv stattfindet, ist das Ausräumen der Bauernwälder. Seit der Finanzkrise 2008 sind die Spekulationen von transnationalen Devisengeschäften auf die Spekulation auf Boden und Nahrung übergegangen.

Das ist besonders stark in Rumänien, Bulgarien, Ukraine und Äthiopien, wo Nahrungsmittelkonzerne und Staaten ihre Vorsorge für klimatische Veränderungen treffen. Das heißt aber auch, dass bei uns Leute verstärkt in Boden investieren. Traditionelle Bauernwälder, die kleinteilig und deshalb so artenreich sind, werden von Leuten aufgekauft, die einfach nur Geld loswerden müssen. Jetzt werden die Reste ausgeräumt. Und das ist ein ganz massiver Trend, weil die Holzpreise ein Allzeithoch haben.

abgeholzter Wald
Ein Bauernwald in Oberösterreich, der gerade zu Geld gemacht wird.

Das macht es reichlich absurd, wenn bei Infrastrukturprojekten die Anwesenheit eines Mittelspechts in der Nähe des Vorhabens zu einem Verfahrensstopp führen kann, unabhängig von tatsächlicher Gefährdung, aber gleichzeitig die Bauernwälder forstlich intensiviert werden.

I: Gibt es auch Lichtblicke?

H: Was ich jetzt erzählt habe, sind Hinweise für das Scheitern der integrativen Naturschutzarbeit, also unsere Nutzungen naturnahe auszurichten. Ein großer Erfolg war dagegen, dass seit den 80ern massiv Schutzgebiete eingerichtet wurden, die auch strukturell stark verbessert wurden.

Die Lobau zum Beispiel hat vor dreißig Jahren ganz anders ausgesehen als jetzt. Es ist wunderschön, wie naturnahe die geworden ist. Das war vorher ein normaler Wirtschaftswald, jetzt ist sie ein Nationalpark. Aber wir lügen uns in die Tasche, wenn wir die integrative Naturschutzarbeit vernachlässigen, weil Schutzgebiete beschränkte Anteile der Landschaftsfläche umfassen und viele Arten der Kulturlandschaft nicht erreichen.

In der Lobau hat sich vieles verbessert. Das alleine reicht aber nicht.

Wir haben einen großen Teil an naturnahen Kulturlandschaften in Österreich. Agrarstukturelle Bereinigungen, Ausdehnung von Betriebsbaugebieten und Städten drängen in die Reste von traditionellen Landschaften. Das ist der Prozess der derzeit stattfindet.

I: Wie ist es zu diesen Veränderungen gekommen, warum hat niemand was gesagt?

H: Zuerst ist es wichtig, dass wir anerkennen, dass Veränderungen notwendig sind. Es ist das Tempo und die hohe technische Kapazität, die derzeit starken Druck entwickelt. Es gab laufend Strategien, um zu steuern, die aber oft den Punkt nicht getroffen haben.

Und auch die Verwaltung würde ihre Fehler nie zugeben. Als ich angefangen habe zu arbeiten, haben wir den Bauern erklärt, dass wir wieder alte Obstbaumsorten pflanzen sollen, wir wollen Naturwälder entwickeln und Bäche renaturieren. Da haben sie gesagt:

„Ihr Obergescheiten, auf der BOKU! Habt uns vor 20 Jahren erklärt, dass wir die Obstbäume roden müssen. Und habt’s uns bezahlt dafür.“

Was ”nie stattgefunden hat”, dass zwei Millionen Obstbäume in den 60ern mit Kopfgeld gerodet wurden. Auch die Entwässerungen und Drainagierungen der Quellbäche sind sämtlich mit Bewilligung und Förderung erfolgt.

I: Wie jetzt?

H: Es war ganz schwierig. Ich habe nach langem einen Bürgermeister dazu bekommen, mich die Dokumente kopieren zu lassen: ”Hofbauer, 1960, 15 Obstbäume; Obermayrr 20 Obstbäume,…” und eine Streitschrift ”Ganz Europa rodet seine Obstbäume”, um den ”Frisch, saftig, steirischen Apfel” zu fördern. Und dasselbe mit allem, um die Fläche freizumachen für Industrialisierung. Zur Belohnung gab’s eine neue Kette für die Kettensäge und ein modernes Obstbaubuch.

Streuobstwiese
Durch die Industrialisierung der Landwirtschaft arbeiten nicht mehr so viele Leute an den Höfen. Most wird von Softdrinks abgelöst, Streuobstwiesen werden nicht mehr benötigt. (Foto: Marianne Götsch)

Aber noch einmal, es macht natürlich auch keinen Sinn, wenn nur noch fünf statt zwanzig Leute auf dem Hof sind, dann brauche ich nicht mehr riesige Most-Obstgärten. Und das hat natürlich naturschutzmäßig Folgen gehabt für Wendehals, Wiedehopf und Gartenrotschwanz.

I: Aber Obst wird ja nach wie vor konsumiert?

H: Es wird viel weniger konsumiert. Viel viel weniger. Weil die Leute nicht mehr auf den Höfen arbeiten und Most nicht mehr ihr Hauptgetränk ist. Unser Obst kommt überwiegend aus Reihenkulturen unter Netzen, sonst wäre es nicht Supermarkt-fähig. Ein großer Teil der Sorten auf den Streuobstwiesen war für Most, das Getränk für den Alltag. Das der große Trend, dass diese alten, vielfältigen Landschaftselemente wenig geworden sind.

Eine andere Entwicklung ist der Verlust an handwerklichem Know-How. Das ist tatsächlich kulturell noch mehr gefährdet als Sorten. Die uralten Steinmauern aus der Wachau zum Beispiel, wo ich verstehen muss, wie die der Stein rein gelegt wird. Der moderne Nachfolger wurden die Zyklopenmauern, die mit dem Bagger gebaut wurden, wo manchmal ein kleines Einfamilienhaus riesige Wasserbausteine rundherum hat. Jetzt ist es noch billiger geworden und es sind die mit Bahnschotter gefüllten Drahtkörbe, die sich dann verbiegen und nach zehn Jahren nichts mehr taugen. Das ist so eine Evolution, die mit vermehrten technischen Mitteln arbeitet, um Handarbeit einzusparen… diese Drahtkörbe haben keinerlei ökologische Funktion. Da bleibt’s bei Spinnen und Asseln, aber sonst… Und das Know-How ist aber weg.

Gabionen im Garten sehen vielleicht hübsch aus, haben aber ökologisch nicht viel zu bieten. (Quelle: unbekannt)

I: Nochmals zurück zum Bürgermeister und den Obstbäumen. Wie kommt man zu solchen Informationen?

H: Indem man ihn einfach anredet. Die Bäuerin, der ich beim ersten Landschaftspflegeprogramm voll Stolz die Rote Schnarrschrecke gezeigt habe, weil ich sie dort kennengelernt habe, hat gemeint:

„Na die ist ja eh immer da. Was erzählst du mir das. Das weiß ich eh seit 70 Jahren.“

Ich hab’s halt noch nicht gekannt. Heute gibt es dort weder Schnarrschrecke, Bäuerin noch Magerwiese. Die Informationen kommen durch die Gelegenheiten, viele Stellen zu sehen. Mit Leuten in Kontakt zu sein. Viele Naturschützer machen den Fehler, dass sie Angst vor Leuten haben, dass sie Leuten ausweichen. Das bringt uns sicher nicht weiter.

I: Wie komme ich solchen Landschaftsveränderungen noch auf die Spur, vor allem wenn ich keine Referenzpunkte habe?

H: Du hast überall Referenzpunkte! Du musst sie nur sehen lernen, vergleichen und nachschauen. ich würde das nicht theoretisch abkoppeln. Sondern ich würde in vielen Gelegenheiten versuchen praktisch rein zu kommen. Und nicht alte Lösungen zu suchen, sondern neue Lösungen zu suchen.

Durch Vergleichen und Nachschauen kann sich eine nach und nach das nötige Wissen aneignen.

Zum Abschluss ist es aber wichtig, diese oft negativen Trends nicht als Suderei, sondern als Anregungen zum Bessermachen aufzugreifen. Es geht nur darum, dass wir immer wieder Ansatzpunkte finden, wie wir unseren eigenen Lebensraum so schön und lebendig erhalten und entwickeln, dass sich das Leben hier umfassend und in allen seinen vielfältigen Ausprägungen entfalten kann und wir trotzdem unsere wirtschaftlichen Interessen und Notwendigkeiten verwirklichen können.

 

Welche Veränderungen in der Landschaft hast du bei dir zu Hause beobachtet? Schreib mir ein Kommentar!

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