Bodenrestauration in Österreich – ein Interview

Wie funktioniert Bodenrestauration mit österreichischen Böden? Informationen zu diesem Thema sind besonders dünn gesät, deshalb habe ich für euch mit Hans-Peter Haslmayr gesprochen. Er arbeitet schon seit langem mit Bodenrestauration und weiß genau wie man Schäden erkennt und verdichtete Böden wieder hinbekommt.

Isabella: Was ist das häufigste Problem, das dir bei der Bodenrestauration begegnet?

Hans-Peter: Am häufigsten begegnen mir Fälle, bei denen Baufirmen Abraummaterial oder Aushubmaterial deponieren wollen. Wenn das Bodenaushubmaterial die richtige Schlüsselnummer nach Bundesabfallwirtschaftsplan hat, darf man es als landwirtschaftliche Rekultivierungsschicht  verwenden um damit Geländemodellierungen zu machen (zum Beispiel Auffüllen von Senken und Mulden). Den LandwirtInnen wird dann gegen eine Prämie von mehreren tausend Euro die Herstellung einer ebenen Fläche versprochen.

Das Problem dabei ist, dass es technisch oft unsachgemäß gemacht wird. Die Baufirma hat meist vor allem Interesse daran, dieses Material zu entsorgen. Der Zustand des Ackers ist meist zweitrangig.

Der Humus wird zuerst abgezogen, dann wird das Abraummaterial aufgetragen. Es wird natürlich flächig verfestigt, damit danach keine Setzungen mehr eintreten. Dann wird aber verabsäumt, die Oberfläche vor der Humusierung ausreichend zu lockern.

Meist sind an der Oberfläche auch noch Fetzen von Bauvliesen, Kunststoff, Steine und so weiter, die von der Baustelle mit transportiert worden sind.

I: Das heißt die bringen sozusagen eine Stauschicht unter den Oberboden?

H-P: Richtig, so wird eine Stauschicht geschaffen. Das Ergebnis schaut dann so aus, als würde man einen Oberboden auf Beton kippen.  Da es sich meistens um Geländesenken handelt, säuft das ab, weil das Niederschlagswasser nicht abfließen kann.

Dann kommen wir und müssen versuchen das zu beheben, denn die Baufirma hat zu diesem Zeitpunkt das Baufeld meist schon verlassen. Die können den Boden natürlich nicht so in so einem Zustand hinterlassen, aber natürlich wäre es viel viel besser, wenn gleich begleitend Fachleute dabei wären. Dann könnte man solche Problemen verhindern. Aber dazu fehlt leider die gesetzliche Grundlage.

I: Was sind die ersten drei Dinge die du dir ansiehst, wenn du auf eine neue Fläche kommst?

H-P: Ich schaue schon zu Hause auf der Bodenkarte und der geologischen Karte nach, um mir einen Überblick über den dort natürlichen Bodenaufbau zu machen. Bevor ich auf die Fläche komme, schaue ich mir dann die umliegenden Böden an. Wie könnte der Urzustand ausgeschaut haben?

Wenn ich dann auf der Fläche bin, schaue ich als erstes mit einer Sonde wo die Verdichtung ist und wie tief sie liegt. Es handelt sich in der Regel immer um Verdichtungen. Dann schaue ich mir an wie hoch der Humushorizont angeschüttet worden ist.

Das sind so die ersten drei Dinge. Dann wird mit dem Pürckhauer kontrolliert wie der Profilaufbau, der Grobanteil und der Kalkgehalt ist. Meistens ist der Kalkgehalt zu gering, da ist dann auch keine Strukturbildung möglich. Deswegen muss auch eine Strukturstabilitäts-Kalkung erfolgen.

Mit dem Pürckhauer kann eine das Profil ansehen, ohne gleich ein Loch zu graben.

I: Gibt es eine Standardlösung?

H-P: Es hängt natürlich vom Standort ab und da können die Faktoren sehr unterschiedlich sein. Aber eine Maßnahme die wir überall vorschlagen ist flächiges Lockern. Also nicht pflügen, sondern tiefenlockern, bis zu 90cm tief, mit einem sogenannten Abbruchlockerer. Der wendet nicht, sondern sticht ein und bewegt die Erde ein kleines Stück in horizontaler Richtung. Wir wollen ja nicht den Oberboden mit dem Unterboden vermischen, das wäre die schlechteste Wirkung. Wir wollen die Erde nur lockern ohne sie zu mischen.

Meistens ist das mit einer Kalkung verbunden. Der Kalk ist ein Strukturbildner und hilft die Bodenstruktur zu verbessern. Es wird zuerst gekalkt und dann tiefengelockert, damit der Kalk in tiefere Bereiche des Bodens einrieseln kann.

Dann bleiben oft noch vernässte Stellen, die drainagiert werden. Es werden Drainagen gegraben, Rohre verlegt und versucht das Wasser abzuleiten.

I: Das klingt extrem teuer. Wer zahlt das?

H-P: Meistens oder fast immer die Firma, die dieses Material deponiert hat.

I: Was wären Super-Luxus-Maßnahmen die man setzen könnte?

H-P: Super-Luxus wäre die Zufuhr von Kompost oder Stallmist. Das hat man halt meist nicht verfügbar. Zumindest in vielen Gebieten (z.B. im Alpenvorland) nicht, wo es in erster Linie Schweinehaltung gibt. Bei diesen Veredelungsbetrieben fällt hauptsächlich Gülle an. Gülle hat natürlich längst keinen so guten Effekt wie Festmist, wenn ich Humusaufbau betreiben möchte.

Eine andere Luxus-Maßnahme ist die Umsetzung einer reduzierten Bodenbearbeitung, damit das Bodenleben Zeit hat sich zu regenerieren. Jede Bodenbearbeitungsmaßnahme ist ein massiver Eingriff ins Bodenleben. Die Regenwurmdichte geht nach einem Ackergang stark zurück, sie werden ja mechanisch verletzt. Die Population erholt sich dann relativ schnell und kann sogar eine höhere Individuenzahl erreichen als davor, weil die Bedingungen besser sein können als vorher… aber wenn ich eh schon nichts habe, das dann nochmal massiv zu stören, davon raten wir ab.

Alles rot?! Wie war hier wohl der natürliche Profilaufbau?

I: Was sind die Faktoren nach denen ihr die Maßnahmen ableitet?

H-P: Ich schaue wie der natürliche Zustand ausschauen würde. Wie hat der Boden vorher ausgesehen, bevor alles abgeschoben und neues Material zugeführt wurde? Wie ist der Profilaufbau auf diesem Standort? Wie würde er natürlicherweise entstehen? Da schauen wir uns einfach die benachbarten Flächen an oder ich sehe auf der Bodenkarte was hier ursprünglich für ein Bodentyp vorhanden war. Das gibt als Referenz Rückschluss auf unseren Zielzustand.

Dann schauen wir, wie viel Oberboden aufgebracht worden ist. Wurde nur der Boden verwendet, der da war? Es ist meistens viel weniger als es ursprünglich war, weil durch das Herumgeschiebe Material verloren geht und das Porenvolumen verringert wird. Das heißt, ich habe dann nicht mehr 20cm Oberboden, die einmal abgezogen worden sind, sondern nur noch 10cm.

Lässt sich der Boden gut formen hat er meist einen hohen Tonanteil. Eine spricht von einem schweren Boden.

Dann schauen wir, wie der Oberboden aussieht. Wie viel Organik ist noch drinnen? Muss Kompost zugeführt werden? Wie ist die Struktur? Müssen wir separat nochmal Kalken? Wie ist die Bodenart? Wie schwer ist der Boden?

Davon hängt ab, welches Zeitfenster wir hinsichtlich des idealen Feuchtegehalts haben. In diesem Zeitfenster können wir den Boden bearbeiten sodass die Maßnahme möglichst effizient wirkt.

Je nach Tonanteil können wir den Boden nicht bearbeiten wenn er zu trocken oder zu nass ist, weil wir dann nur grobe Brocken bekommen oder den Boden verschmieren. Im oberösterreichischen Alpenvorland gibt es relativ schwere Böden. Da hat man nur ein enges Zeitfenster.

Wenn zu viel Wasser im Boden ist, fängt er an zu schmieren. Wenn du ihn jetzt bearbeitest, wirst du stecken bleiben.

Ein weiterer Faktor ist natürlich die Grundwasserhöhe. Können wir dort überhaupt Drainagieren? Erlaubt es das Gefälle das Wasser in einen Vorfluter abzuleiten? Wie ist die landwirtschaftliche Nutzung? Was will der Eigentümer beziehungsweise Pächter dort produzieren? Mit welchen Geräten wird der Boden befahren?

I: Kann die Fläche nach der Restauration so genutzt werden wie vor dem Problem?

H-P: Das ist fast immer möglich. Aber die Strukturschäden, die der Boden dann hat, können Jahrzehnte lang bestehen bleiben und es braucht meist lange, bis sich wieder ein günstiges Gefüge einstellt. Die Ertragsfähigkeit ist zunächst fast immer reduziert.

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich, aber ich würde sagen um mindestens 10-20% für die nächsten paar Jahre. Das hängt davon ab, was die LandwirtInnen dann tun.

Die meisten möchten im nächsten Jahr gleich wieder eine ertragbringende Ackerfrucht anbauen. Wir empfehlen mindestens drei Jahre Nutzungspause. Den Eigentümern beziehungsweise Pächtern wird nahegelegt, die Fläche vorerst aus der Nutzung zu nehmen, artenreiche Mischungen anzubauen und diese möglichst lange wachsen zu lassen, sodass viel organische Masse in den Boden kommt. Kleegrasmischungen können gehäckselt werden, mehr sollte nicht passieren.

I: Warum dauert es trotz restaurativem Eingriff so lange bis sich der Boden erholt?

H-P: Weil das Bodenleben sehr sensibel reagiert. Den Oberboden abzuschieben verändert die Struktur. Danach liegt der Oberboden, im schlimmsten Fall mehrere Jahre, oft auf zu hohen Mieten (Erdhaufen). Das Bodenleben kann im Innersten einer so hohen Miete nicht überleben, weil es erstickt. Wenn ich das Material wieder ausbringe, fehlt mir das Bodenleben als Grundlage  der Bodenfunktionen.

I: Woran merkt eine, dass der Boden ertragsfähig genug ist, um wieder was anzubauen? Gibt es irgendwelche Anzeichen?

H-P: Nein Anzeichen gibt es nicht, zumindest nicht für die LandwirtInnen. Und wir kommen nach drei Jahren auch nicht mehr an diesen Ort. Wir empfehlen lediglich diese dreijährige Nutzungsruhe. Und daran halten sich die meisten LandwirtInnen auch, da sie langfristig natürlich wieder Hauptfrüchte dort anbauen möchten.
Aber man kann nicht pauschal sagen wie schnell das geht. Das hängt in erster Linie von den Maßnahmen ab, die gesetzt werden.

I: Was ist die kritische Phase wenn du eine Restauration durchführst? Wo kann es schief gehen?

H-P: Da gibt’s viele kritische Phasen. Die kritischste ist aber, wenn die Lockerung durchgeführt wird. Meistens treten nach längeren Niederschlägen die Probleme auf. Dann werden nämlich die Schäden sichtbar.

Meist sieht man erst an den Wasserlacken nach Niederschlägen, dass der Boden verdichtet wurde.

Wir sagen dann, dass man die Flächen nicht befahren kann und man erst eine Trockenperiode abwarten muss, bis die Tragfähigkeit wieder gegeben ist.

In der Zusammenarbeit mit den LandwirtInnen ist da oft viel Überzeugungsarbeit erforderlich, da der Ertrag oft für die Veredelung gebraucht wird (zum Beispiel als Schweinefutter) oder man auf der Einhaltung der Fruchtfolge beharrt.

I: Wenn es ihnen so schwer fällt, wieso machen die LandwirtInnen doch das, was ihr ihnen empfehlt?

H-P: In dem Bereich haben wir das Glück, dass wir offenbar einen gewissen Vertrauensvorschuss genießen. So nach dem Motto:

„Da hilft jetzt sowieso nichts, ich muss denen das jetzt überlassen. Die kennen sich aus und die haben Erfahrung.“

Oft braucht es schon viel Überzeugungsarbeit, aber es wird meist eingesehen. In den meisten Fällen ist es ohnehin eindeutig. Wenn sie mit einem Traktor hinein fahren würden um selber irgendetwas zu versuchen, dann würden sie eh versinken.

I: Auf welche Arten und Weisen wird der Boden in Österreich noch zerstört?

H-P: Die Bodenzerstörung Nummer eins in Mitteleuropa ist die Flächenversiegelung. In der Vergangenheit sind aber im Hinblick auf die Bodenrekultivierung nachhaltige Schäden bei Rohrleitungsbaustellen entstanden. Dabei wurden in Form breiter Schneisen Leitungen in die Landschaft gelegt. In den 60er Jahren wurden die beanspruchten Flächen unzureichend rekultiviert und wieder der ursprünglichen Nutzung zugeführt. Aber ein geschultes Auge kann diese Schäden noch heute erkennen.

Bodenzerstörung Nummer eins in Mitteleuropa: Flächenversiegelung

Wegen der abgegebenen Leitungswärme trocknet der Boden dort schneller. Das heißt die Pflanzen über dem Leitungsbereich werden früher reif als der Rest. Das vermindert die Qualität der Ernte. Außerdem bleibt auf diesen Flächen der Schnee nicht liegen, wodurch es zu Frostschäden bei Winterfrüchten kommen kann, da die isolierende Decke fehlt.

Dort wo heute eine bodenkundliche Baubegleitung bestellt wird, treten solche Probleme kaum mehr auf. Und natürlich hat sich auch die Technik weiterentwickelt. Außerdem gibt es glücklicherweise Firmen, die erkannt haben, dass eine Einbeziehung von Fachleuten bei Projektbeginn im Nachhinein viel Kummer ersparen kann. Bei großen Projekten hat das bisher gut funktioniert und deswegen sind in jüngster Vergangenheit nicht mehr so große Schäden passiert.

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